Kultur

DIE SNCF INSPIRIERT...

 
 

Dampfrösser und Bleiminen

Die Bahn im Comic

02/10/2009

In der Welt der Comics hat der Zug freie Bahn: Die gezeichneten Eisenbahnen rauschen ungehindert auf die Kulisse zu, verschwinden am Horizont, setzen das Bild in Szene und regen die Fantasie an.

Kasten, Streifen oder ganze Seiten: Die Züge sausen von einem Bild zum anderen, rasen im Höllentempo über die Hänge der Anden (Hergés "Tim und Struppi: Der Sonnentempel", frz.: "Tintin et Le Temple du Soleil" aus dem Verlag Casterman), oder verschwinden im überdimensionalen Horizont der großen amerikanischen Weiten und hinterlassen nicht mehr als eine Spur von weißem Dunst (Lucky Luke: "Die Eisenbahn durch die Prärie", frz.: "Des rails sur la prairie" aus dem Verlag Dupuis, von Morris und Goscinny). In "Zucker im Tank" (frz.: "Du Glucose pour Noémi", Verlag: Dupuis), eines der Abenteuer von Spirou und Fantasio, das Fourniers Handschrift trägt, gerät eine Dampflokomotive aus den Fugen und durchbricht die Glaswand des Bahnhofsgebäudes, bevor sie eine rasante Rallye durch die Stadt antritt.
In Blueberrys Abenteuern von Charlier und Giraud, wie etwa "Das eiserne Pferd", "Steelfingers" und "Die Fährte der Sioux" (frz.: "Le cheval de fer", "L'homme au poing d'acier" und "La piste des Sioux", Verlag: Dargaud), steht die Eisenbahn für den technischen Fortschritt, die Eroberung des Wilden Westens in Amerika und das Ende der indianischen Zivilisationen. Die europäische Revolution auf Schienen des 19. Jahrhunderts wird in einem Werk von Juillard und Rolland thematisiert, das sich der Geschichte der Eisenbahner widmet - auf der Reise einer Crampton-Lokomotive quer durch eine französische Landkarte ("Cheminot, histoire et légende des hommes du rail", Verlag: Temps actuels, Vorwort: Henri Vincenot).

Heute, wo das Auto zu unserem Alltag gehört, steht die Frage der Fortbewegung nicht mehr zur Debatte. Man ist inzwischen zu anderen Themen übergegangen, wie Dramaturgie, Dialog, psychologische und sogar politische Konfrontation. In "Die Schienenmenschen" (frz.: "Rails", Verlag: Delcourt), erzählen Chauvel und Simon die Geschichte einer Gang aus schwarzen Kämpfern, die von einer rassistischen Gesellschaft verstoßen wurden und einen Zug zur ihrer mobilen Festung machen, von wo aus sie ihre Feinde angreifen. In "Transperceneige" von Rochette und Lob (Verlag: Casterman) transportiert der größte Zug der Welt die wenigen Überlebenden einer neuen Eiszeit durch die Schneewüste. An Bord sind alle sozialen Schichten vertreten, die jeweils in verschiedenen Zugabteilen wohnen. Proloff, die Hauptfigur der Geschichte, zieht durch den gesamten Zug, von den hintersten Waggons bis zur Lokomotive, und verbreitet dabei den tödlichen Virus der Revolution.

Der Bahnhof ist ein weiterer Zufluchtsort. Im Manga "Der Eisenbahner" von Nagayasu und Asada (Verlag: Panini) erinnert sich Otomatsu, Bahnhofsvorsteher auf einer kleinen ländlichen Strecke, an sein vom Rhythmus der Züge bestimmtes Dasein, den Symbolen für den Lauf der Zeit. Muss sich der Eisenbahner eingestehen, dass er die Liebe zu seiner Frau und Tochter für seine Arbeit geopfert hat?

Schließlich ist der Zug auch Kulisse für poetisches Reisen. In "Die wunderbare Odyssee" von Greg und Dany (frz.: "La merveilleuse Odyssée", Verlag: Joker), nehmen Olivier und sein Kollege, zwei brave Gehilfen in einem Notariat, den zauberhaften Bummelzug in eine parallele Fabelwelt. Im Fantasieland "Schauimtraum" entwerten Schaffner Küsschen anstatt Fahrscheine, und die Züge machen in den Bahnhöfen "heia". In "Vertraute Fremde" von Taniguchi (frz.: "Quartier lointain", Verlag: Casterman), nimmt Hiroshi versehentlich den "Super-Hakuto-Express", der Tokio mit der kleinen Stadt Kurayoshi verbindet, taucht auf wundersame Weise in seine Vergangenheit ein, und erlebt noch einmal seine Jugend in der Stadt, in der er geboren ist.

Seite aus "Lucky Luke: Die Eisenbahn durch die Prärie"
© Dupuis/Morris und Goscinny


Bildsequenz mit der Weißen Garde aus "Die Schienenmenschen" (Band 2)
© Delcourt/Chauvel und Simon


"Transperceneige", Band 1, "L'échappé", Seite 3.
© Casterman/Rochette und Lob