Foto Banner oben: Lola Hakimian / Orient-Express

Wenn es einen Zug gibt, der Geschichte geschrieben hat, dann ist es der Orient-Express. Der Mythos nahm im Jahr 1883 in Paris seinen Anfang – im Bahnhof Gare de l'Est. Als zeitloses Symbol der Kunst des Reisens ist er ein Juwel des französischen Eisenbahn-Erbes.

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4. Oktober 1883: Jungfernfahrt

An diesem Nachmittag des 4. Oktober 1883 eilt ein elegantes und neugieriges Publikum zum Pariser Gare de Strasbourg (Straßburger Bahnhof), wie der heutige Gare de l'Est damals hieß. Politiker, Journalisten und Schriftsteller versammeln sich zur Einweihung eines revolutionären Zuges, der nur aus Schlaf- und Speisewagen zusammengesetzt ist: des Express d’Orient, der einige Jahre später in Orient-Express umbenannt werden sollte.

Der erste Zug nach Konstantinopel fährt bei Tag und Nacht durch ganz Europa bis nach Bukarest. Dort steigen die in einen weiteren Zug nach Bulgarien um und schließlich in ein Schiff, das sie über das Schwarze Meer und den Bosporus zu ihrem Ziel bringt. Die direkte Verbindung mit dem Zug folgte im Jahr 1889. Konstantinopel wurde dadurch zur majestätischen Endstation des Orient-Express, der für Luxus und Romantik steht.

Über diese erste Hin- und Rückfahrt in weniger als 2 Wochen berichtete eine begeisterte Presse. In der Ausgabe vom 20. Oktober 1883 des Figaro schrieb der Reporter Georges Boyer: „In nur 76 statt 111 Stunden wie früher haben wir die Reise von Konstantinopel nach Paris ohne jegliche Anstrengung unter höchst komfortablen Bedingungen unternommen.“

Erfolg eines innovativen Konzeptes

Während einer Reise in die Vereinigten Staaten im Jahr 1868 fährt der junge belgische Ingenieur Georges Nagelmackers auch mit Pullman-Zügen und lernt die berühmten „Sleeping-cars“ (Schlafwagen) kennen. Aber obwohl einige amerikanische Züge jenen des alten Kontinents technologisch voraus sind, sind sie doch nach wie vor sehr unbequem.

Georges Nagelmackers kehrt mit einer Idee nach Europa zurück: Luxuszüge für betuchte Kunden bauen. Mit dem Orient-Express gelingt es ihm, Lange Strecken, Komfort und Raffinement zu verbinden. Die Begeisterung für dieses neue Verkehrsmittel inspiriert schon bald Nachahmer und weitere Züge mit gleichwertigem Serviceniveau werden in Betrieb genommen: der Nord-Express, der Sud-Express, der Calais-Nizza-Rom-Express etc.

Die Kunst des zeitlosen Reisens

Der Orient-Express, dem man den Beinamen „König der Züge, Zug der Könige“ gegeben hat, vereint Innovation mit Eleganz. Die Kabinen sind mit der für die damalige Zeit neuesten Technologie ausgestattet: Zentralheizung, Warmwasser und Gasbeleuchtung.

Das luxuriöse Innere ist gepolstert und die Betten sind tadellos bereitet. Bademäntel mit dem Logo der Compagnie warten auf die Fahrgäste. Nur die besten Materialien werden verwendet: Seidentücher, Sanitäreinrichtungen aus Marmor, Kristallgläser und Silberbesteck. Zwanzig Kabinen können tagsüber in einen Salon verwandelt werden.

Um 1920 beauftragt die Compagnie Internationale des Wagons-Lits den Glasmachermeister René Lalique und den Innenarchitekten René Prou mit der Dekoration einiger Waggons. Glasflächen, Edelholzintarsien... Der Orient-Express wird damit zur Spielwiese des Art Deco.

Das Entstehen eines Mythos

Zu den Persönlichkeiten, die in den Schlafkojen des Orient-Express gereist sind, gehören unter anderen König Ferdinand von Bulgarien, der russische Schriftsteller Leo Tolstoi, die deutsche Schauspielerin Marlene Dietrich, der russische Choreograph Sergei Diaghilev uvm. Der prestigeträchtige Zug wird auch von Abenteurern wie Lawrence von Arabien und Spionen wie der berühmten Mata Hari benutzt.

Der Mythos des Orient-Express ist auch durch Literatur und Kino entstanden. Viele Autoren ließen sich von dem Zug inspirieren: Joseph Kessel, Ernest Hemingway und Agatha Christie. Die britische Schriftstellerin lernte dort sogar ihren Mann kennen und ihre Reisen mit diesem Zug inspirierten sie zu drei Romanen, darunter den berühmten Mord im Orient-Express, der den Zug endgültig in die Geschichte eingehen ließ.

1974 verfrachtete Regisseur Sidney Lumet für die Verfilmung dieses Romans die größten Schauspieler wie Lauren Bacall, Ingrid Bergman, Sean Connery und Anthony Perkins in den Zug. Eine neue Version mit einer ebenso prestigeträchtigen Besetzung kam im Dezember 2017 in die Kinos, bei der Kenneth Branagh Regie führte und auch die Hauptrolle, den weltberühmten Detektiv Hercule Poirot, spielte.

Ein lebendiges Erbe

Die Teilung Europas zwischen Ost und West nach dem Zweiten Weltkrieg hat den Orient-Express stark geschwächt. Die letzte Hin- und Rückfahrt von Paris nach Istanbul fand am 20. Mai 1977 statt, 94 Jahre nach seiner Jungfernfahrt.

Heute gibt es noch einen Zug mit 7 Waggons, die teilweise unter Denkmalschutz stehen und sich im Besitz von SNCF befinden.

Der vollständig restaurierte Zug, ein veritabler, reisender Botschafter des französischen Art Déco, fährt heute nur noch ausnahmsweise bei Privatveranstaltungen und Privatreisen.

  • Im Restaurantwagen 4160, der von René Lalique gestaltet wurde, trafen sich Politiker, Schriftsteller, Film- und Musikstars, Geheimagenten...

  • Die Kristallpaneele aus der Hand von René Lalique begeistern die Reisenden.

  • Das Design des Restaurantwagens 2869 macht den schicksten Restaurants alle Ehre.

  • Ab 1883 verbindet der Orient-Express Paris direkt mit Konstantinopel. Die Stecke führt über Straßburg, München, Wien, Budapest und Bukarest.

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