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DER ORIENT-EXPRESS:
DIE HOHE KUNST
DES REISENS
MIT DEM ZUG

Wenn ein Zug wirklich in die Geschichte eingegangen ist, dann kann das nur der Orient-Express sein. Sein Mythos begann im Jahr 1883 in Paris, im Bahnhof Gare de l’Est. Heute ist dieses zeitlose Symbol der hohen Kunst des Reisens eines der Glanzstücke des Eisenbahnerbes von SNCF.


Der Waggon des Waffenstillstands​

Der Waggon des Waffenstillstands​

Während des Ersten Weltkriegs wird der luxuriöse Wagenpark der „Compagnie Internationale des Wagons-Lits“ beschlagnahmt, in alle Richtungen zerstreut oder zerstört. Nach vier Jahren Krieg gibt es den Orient-Express nicht mehr. Aber einer seiner Waggons geht in die Geschichte ein: der Wagen mit der Nummer 2419. Für den französischen Feldherrn Maréchal Ferdinand Foch wird dieser Waggon zu jenem Büro umgebaut, in dem am 11. November 1918 die Vertreter des geschlagenen Deutschen Reichs den Waffenstillstandsvertrag unterzeichnen.

Im Juni 1940 bedient sich die deutsche Wehrmacht ihrerseits dieses Waggons zur Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens mit Frankreich. Danach wird er als Kriegstrophäe nach Berlin gebracht und den Berlinern zur Besichtigung zugänglich gemacht. Im Jahr 19444 schließlich wird der geschichts- und symbolträchtige Waggon von der SS angesichts des Vormarsches der Alliierten auf Berlin gesprengt.

5. Juni 1883:
Premiere Paris-Konstantinopel

Es ist der Nachmittag des 4. Oktober 1883: Die Pariser eilen zum Bahnhof Gare de l’Est, der bis 1854 „Embarcadère de Strasbourg“ geheißen hatte. Die elegant gekleidete und überaus neugierige Menge kommt, um eine Erfindung zu begutachten, die den Personentransport verändern wird: den Orient-Express. Der neue Zug, der den anspruchsvollen Reisenden bequeme Betten in Schlafwagen bietet, wird mit großem Pomp in Anwesenheit von Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Presse eingeweiht.

Die erste Reise führt nach Konstantinopel. Der Zug fährt Tag und Nacht bis nach Bukarest. Dort müssen die Fahrgäste in einen anderen Zug umsteigen, der sie nach Bulgarien bringt. Auf einem Schiff erreichen die illustren Reisenden schließlich den Bosporus. Die durchgehende direkte Zugverbindung wird erst 1889 eröffnet. Konstantinopel wird damit endgültig die würdige Endstation des Orient-Express, des strahlenden Synonyms für Luxus und Romantik der Gründerzeit.

Über die erste Hin- und Rückfahrt auf dieser Strecke von 3.094 Kilometern Länge (einfach) in weniger als zwei Wochen berichtet die Presse enthusiastisch und mit Überschwang. In der Ausgabe vom 20. Oktober 1883 des Figaro erzählt der persönlich mitreisende Journalist Georges Boyer: „Innerhalb von 76 Stunden anstatt 111 wie früher haben wir die Strecke von Konstantinopel nach Paris zurückgelegt, und das in einem Zustand der vollkommenen Entspannung, umgeben von allerhöchstem Komfort.“ Das ist der Ursprung einer Legende.


Der Erfolg einer
innovativen Idee

Dieses Meisterwerk der Eisenbahntechnik verdanken wir dem jungen belgischen Ingenieur Georges Nagelmakers. Während eines Aufenthalts in den USA im Jahr 1868 reist er auch mit Pullman-Zügen und kann die bekannten „sleeping-cars“ (Schlafwagen) persönlich ausprobieren. Aber obwohl manche amerikanische Züge gegenüber jenen des Alten Kontinents einen großen technologischen Vorsprung aufweisen, sind sie trotzdem äußerst unbequem. Georges Nagelmakers kommt mit einer Idee nach Europa zurück: Er wird luxuriöse Züge für eine wohlhabende Kundschaft bauen. Und er wird das Unmögliche bewerkstelligen, indem er Reisen über lange Strecken mit Komfort, Eleganz und Raffinement vereint.

Der schnelle Erfolg des Orient-Express hat die Einrichtung vieler neuer Zugverbindungen zur Folge: der Nord-Express, der Süd-Express, der Calais-Nice-Rome-Express etc. Zusätzlich zur Beförderung von Fahrgästen durch ganz Europa in den Orient und bis nach Asien gründet Georges Nagelmakers auch noch die „Compagnie internationale des Grands Hôtels“, um die Reisenden auch nach ihrer Ankunft noch standesgemäß betreuen zu können. Er eröffnet Hotels mit legendärem Ruf wie das Pera Palace in Konstantinopel oder das Riviera Palace in Monte Carlo. Es ist die Geburt der ersten internationalen Hotelkette in der Geschichte.


Die zeitlose
Kunst des Reisens

Der Orient-Express verband von Anfang an Innovation mit Raffinement. Er wird „der König der Züge, der Zug der Könige“ genannt, weil er sich auf die höchsten technischen Standards stützt und die Abteile die modernste und fortschrittlichste Einrichtung bieten, die in dieser Epoche zu haben sind. Dazu gehören Zentralheizung, fließendes Warmwasser und Gasbeleuchtung. Um den Luxus für den verwöhnten Fahrgast perfekt zu machen, sind die Abteilwände mit Textiltapeten dekoriert, die Betten mit komfortablen Matratzen ausgestattet und jeden einzelnen Reisenden erwartet ein Bademantel mit dem Siegel der Gesellschaft. Nur die allerbesten Materialien kommen zum Einsatz: Bettlaken aus Seide, Sanitäreinrichtungen aus Marmor, Kristallgläser und Silberbesteck. Tagsüber verwandeln sich 20 Abteile zum Salon.

Vor dem Ersten Weltkrieg bestand der Aufbau der Waggons aus Teakholz. Nach 1920 wird dafür Metall verwendet und das unentwegte Knarren des Holzes während der Fahrt hat damit ein Ende. René Lalique entwirft die Dekoration der Speisewagen: Glasfenster, gerahmt mit geschnitztem Mahagoniholz aus Kuba. Damit wird der Orient-Express zum kreativen Aushängeschild des Jugendstil.


Die Geburt
einer Legende

Zu den Persönlichkeiten, die in den weichen Betten des Orient-Express träumen, gehören König Ferdinand von Bulgarien, der russische Schriftsteller Leo Tolstoi, die deutsche Schauspielerin Marlene Dietrich, der russische Ballettgründer und Mäzen Sergei Djagilew... Auch Abenteurer wie der legendäre Lawrence von Arabien und selbst Spione wie die berühmte Mata Hari genießen das luxuriöse Ambiente des Zuges.

Später wird der Mythos des Zuges durch Literatur und Film gefestigt. Der Orient-Express inspiriert ganze Heerscharen von Schriftstellern: Joseph Kessel, Ernest Hemingway und Agatha Christie, um nur die berühmtesten zu erwähnen. Die britische Autorin von Kriminalromanen lernt ihren Ehemann in diesem Zug kennen und die gemeinsamen Reisen mit ihm inspirieren sie zu drei Romanen, darunter der weltberühmte „Mord im Orient-Express“. Dieser Welterfolg macht auch den Zug endgültig unsterblich. 1974 schickt Regisseur Sydney Lumet für die Verfilmung des Romans die bekanntesten Schauspieler der Welt auf die Reise, unter anderen Lauren Baccall, Ingrid Bergmann, Sean Connery und Anthony Perkins. Einige Jahr zuvor gab sich bereits James Bond in „Liebesgrüße aus Moskau“ auf dem Orient-Express die Ehre (1963).

Lebendiges Kulturerbe

Der Zweite Weltkrieg und danach der Kalte Krieg bedeuten das Ende des Orient-Express. Die letzte fahrplanmäßige Fahrt von Paris nach Istanbul und zurück findet im Jahr 1977 statt. Heute existiert noch ein Zug mit sieben Waggons, der als Denkmal besonderen Schutz genießt. Trains Expo, eine Tochtergesellschaft von SNCF, die glanzvolle Veranstaltungen organisiert, pflegt den kostbaren Schatz mit Hingabe.




Der Orient Express in Bildern